Berlakovich: Risikomanagement in der Landwirtschaft gezielt forcieren

Berlakovich: Risikomanagement in der Landwirtschaft gezielt forcieren
Foto: BMLFUW

Neue Studie zeigt: Eigenvorsorge und Beratung entscheidend

Wien, 29. August 2011 (aiz.info)

Welche Möglichkeiten haben die Landwirte künftig, mit starken Preisschwankungen am Lebensmittelmarkt besser umzugehen und sich gegen Krisen zu wappnen? Antworten auf diese Frage gibt die neue Studie "Agrarpolitische und betriebswirtschaftliche Optionen zum Risikomanagement in der Landwirtschaft ", die Bundesminister Nikolaus Berlakovich heute vorgestellt hat. Die Studie führt verschiedene Möglichkeiten zum Umgang mit Einkommensrisiken an. Einen kürzlich publizierten Vorschlag der EU-Kommission zu diesem Thema sieht Berlakovich kritisch, weil dieser kaum zu finanzieren sei und Kürzungen in anderen Bereichen des Agrarbudgets zur Folge haben könnte. Stattdessen schlägt der Minister vor, den Fokus verstärkt auf aktives Risikomanagement und die Stärkung der Eigenvorsorge zu legen.

"Angesichts zunehmender Preisschwankungen auf den Agrarmärkten und plötzlicher Konsumeinbrüche wie jüngst bei EHEC ist es eines meiner zentralen Anliegen, die Planbarkeit und Sicherheit für unsere Bäuerinnen und Bauern zu verbessern. Parallel zu den diesbezüglichen Plänen auf europäischer Ebene habe ich daher eine Studie in Auftrag gegeben, um alle denkbaren Risikomanagement-Instrumente analysieren zu lassen ", erläuterte Berlakovich. Die Studie wurde von der Bundesanstalt für Agrarwirtschaft, dem Wirtschaftsforschungsinstitut und der Universität für Bodenkultur erstellt.

Zunehmende Einkommensvolatilität
"Die Studie untersucht die Einkommensvolatilität der österreichischen Landwirtschaft aus zwei Blickwinkeln und führt verschiedene Möglichkeiten zum besseren Umgang mit Risiken an. Dargestellt werden private und öffentliche Bewältigungsstrategien", erläuterte der Agrarexperte des WIFO, Franz Sinabell, der führend an der Studie mitgearbeitet hat. Das sogenannte "Produktionsrisiko" im Pflanzenbau werde seit Jahrzehnten durch Vorsorgemaßnahmen wie etwa eine Hagelversicherung erfolgreich verringert, so Sinabell. Das "Erlösrisiko" nehme seit einigen Jahren stark zu, dies zeige sich etwa bei den stark volatilen Weizenpreisen, die auch hierzulande zunehmend die enormen Schwankungen des Weltmarktes mitmachten. Seit etwa 2007 beobachte man auch eine starke Zunahme des "Kostenrisikos", beispielsweise in Form von extremen Preissprüngen bei Düngemitteln. Künftig drohe durch die forstschreitende Deregulierung auf den Agrarmärkten und den Einfluss des Klimawandels eine Verschärfung der Situation.

Die genannten Risikofaktoren hätten in Österreich zu einer zunehmenden Einkommensvolatilität geführt, so Sinabell. Im Jahr 2009 seien zwei Drittel der heimischen landwirtschaftlichen Betriebe von Einkommensrückgängen betroffen gewesen, bei rund 29% habe das Minus mehr als 30% ausgemacht. Im Mittel habe der Rückgang 14,6% betragen, gab der WIFO-Experte zu bedenken. Bereits derzeit existiere aber im heimischen Agrarsektor ein breit gefächertes Bündel an Instrumenten zum Risikomanagement. Die Palette reiche vom Zuerwerb über eine höhere Eigenkapitalquote bis zur Nutzung von Warenterminbörsen und dem Abschluss von Hagelversicherungen. In der EU wiederum seien sogenannte "Fonds auf Gegenseitigkeit" von Bedeutung. In den USA würden umfangreiche Zuschüsse zu Ernte- und Erlösversicherungen gewährt.

Vier Modelle vorgestellt
In der Studie werden vier Modelle vorgestellt, welche eine umfassende Abfederung von Einkommensvolatilitäten ermöglichen sollen. Eines davon sieht die staatliche Unterstützung für individuelle Rücklagen vor. Bei den anderen Modellen wurde spezielles Augenmerk auf die Vereinbarkeit möglicher Instrumente mit den Vorgaben der Welthandelsorganisation (WTO) gelegt. Dabei geht es um die Bildung eines Sicherheitsnetzes, das Einkommensrückgänge ab 30% kompensieren soll, wobei die Berechnung der Einbußen auf Basis von Steuerbescheiden oder etwa anhand von repräsentativen Betrieben erfolgen soll. Diese Modelle würden allerdings einen erheblichen öffentlichen Mitteleinsatz erfordern. Am günstigsten käme noch die Förderung der Rücklagebildung, so Sinabell.

Berlakovich: Kosten-Nutzen-Relation nicht aus den Augen lassen
"Entscheidend ist in diesem Zusammenhang, die Kosten-Nutzen-Relation nicht aus den Augen zu verlieren. So ist etwa ein von der EU-Kommission angedachtes, WTO-greenbox-kompatibles, also nicht wettbewerbsverzerrendes Einkommens-Stabilisierungssystem für alle mit einem jährlichen Mittelvolumen von ca. EUR 150 Mio. kaum finanzierbar. Das würde mit einem Schlag 15% des derzeitigen Budgets für die Ländliche Entwicklung binden. Ich kann mir nicht vorstellen, eine solche Kürzung beim Agrarumweltprogramm oder der Bergbauernförderung durchzuführen", gab Berlakovich zu bedenken. Er rief in Erinnerung, dass die bisher bekannt gewordenen Kommissionspläne zum EU-Budget ab 2014 ohnehin eine spürbare Kürzung der Agrarmittel befürchten ließen - was Österreich energisch ablehne.

Auch die anderen beiden Vorschläge der EU-Kommission zum Risikomanagement im Rahmen der Ländlichen Entwicklung wären mit einer massiven Kürzung der anderen Maßnahmen verbunden, warnte Berlakovich. Diese beiden Tools sind die Stärkung der Unterstützung der Ernte-, Tier- und Pflanzenversicherung und ein Fonds auf Gegenseitigkeit für Tier- und Pflanzenkrankheiten sowie Umweltschäden. Diese wären bereits jetzt im Rahmen der ersten GAP-Säule (Art. 68) möglich gewesen, wurden aber nicht angewendet, da es zu einer direkten Kürzung der Betriebsprämie gekommen wäre.

Fokus auf Stärkung der Eigenvorsorge legen
"Angesichts der Studienergebnisse kommen wir zum Schluss, dass der Fokus beim Risikomanagement in der Landwirtschaft auf die Stärkung der Eigenvorsorge der Agrarbetriebe gelegt werden muss ", unterstrich Berlakovich. Mit der Österreichischen Hagelversicherung habe man ein gut funktionierendes System für zahlreiche Produktionsrisiken, das - wie in vielen anderen Mitgliedsländern - mit bis zu EUR 15 Mio. jährlich unterstützt werde. Dabei seien die Landwirte als Unternehmer gefordert, gegen einige Risiken Vorsorge zu treffen. "Bei nicht absicherbaren Gefahren unterstützt der Staat zusätzlich im Krisenfall ", ergänzte der Ressortchef.

Berlakovich will nunmehr auf Basis der Studie zwei Ansätze zur Unterstützung der Eigenvorsorge vertiefend prüfen lassen. Dazu zählen der Ausbau von Mehrgefahrenversicherungen im Rahmen der Hagelversicherung für weitere Risiken sowie die Neuentwicklung einer staatlichen Unterstützung für individuelle Rücklagen in Anlehnung an das Bauspar- oder private Pensionsvorsorge-Modell. Ein ähnlicher Ansatz wird in Kanada verfolgt.

Verstärkte Beratung über Preisabsicherungs-Instrumente
Genannt werden von den Studienautoren auch weitere Instrumente, die einen relativ geringen Mitteleinsatz erfordern, wie etwa Aufklärung, Information und Beratung über Instrumente zur Preisabsicherung - zum Beispiel über Warentermingeschäfte. Diese sollen den Landwirten vor großen Investitions-Entscheidungen ermöglichen, das Risikopotenzial ihres Betriebes besser abschätzen zu können. Auch Vorauskontrakte zwischen Bauern und Abnehmern - etwa über Genossenschaften - könnten die Planungssicherheit erhöhen, wird betont. Außerdem sei eine verbesserte Transparenz auf den Agrarmärkten anzustreben.

"Die Empfehlungen der Studie liefern eine fundierte Basis für weitere Diskussionen - auf nationaler und europäischer Ebene, wenn es um die Reform der Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) geht. Eines ist aber klar: Das Risikomanagement darf nicht mehr kosten, als es nützt. Ich will weder eine Hängematte für unsere leistungsbereiten Bäuerinnen und Bauern noch ein ineffizientes Bürokratiemodell. Für uns gilt die Devise "Risikobewusstsein schärfen, Krisen vorsorgen", betonte Berlakovich.

 

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